Konzept

Druckversion Druckversion      

 

 

Der allgemeine Begriff der „Lesekompetenz“ setzt sich aus mehreren Fähigkeiten zusammen: 

  • Die in geschriebenen Texten explizit angegebenen Informationen schnell erkennen und wiedergeben können.
  • Schlussfolgerungen ziehen und begründen können. Diese Fähigkeit  beinhaltet auch das Inferieren durch die Verbindung von textinternen mit textexternen Informationen.
  • Reflektieren und auf neue Situationen übertragen können.

Das Programm IKLF-Lesekompetenz fokussiert zur Zeit auf den ersten Punkt der obigen Definition, der als die basale Fähigkeit des Lesens gilt. Dieser Punkt umfasst zwei Förderbereiche :

(1) Die Beschleunigung der sogenannten Graphem-Phonem-Konversion
(die Übersetzung von Buchstabenfolgen in Lautfolgen) bis zur Automatisierung.
(2) Die Förderung des Sprachverstehens auf Wort-, Satz- und
Textebene 

Das Training der „Graphem-Phonem-Konversion“ ist ein wichtiger Bestandteil des schulischen Anfangsunterrichts. Regelmäßige Übungen hierzu gehören zum Schulalltag und werden den Kindern nach unterschiedlichen Methoden angeboten. 

Weniger systematisch ist das Training des Punktes (2). Hier scheint in der Schule ein strukturiertes Konzept für den Alltag zu fehlen. Dies ist keineswegs überraschend, da dieser Lernbereich hochgradig komplex ist. Er umfasst drei Ebenen mit unterschiedlichen Stufen: 

 

Die Wortebene

Das Wortverstehen wird auf drei Stufen gefördert

Die Benennungsstufe: Hier handelt es sich nicht so sehr um die genaue Bedeutung des Wortes, sondern in erste Linie um die Benennungsfunktion wie beispielsweise „welches Lebewesen bezeichnet das Wort <Schnecke>?“

Die Stufe der differenzierten Mehrdeutigkeit: Wann bedeutet das Wort [Flasche] die Verpackung wie im Satz „für die Flasche habe ich im Laden 30 Cent zurückbekommen“ und wann bedeutet dasselbe Wort [Flasche] den Inhalt wie im Satz „ich war so durstig, dass ich die ganze Flasche getrunken habe“? Wann unterscheiden sich Bedeutungen wie in den Ausdrücken „Zebrastreifen“ und „Putenbruststreifen“? Die meisten Wörter sind mehrdeutig oder fachsprachlich „polysemisch“. D.h. sie beziehen sich nicht immer auf denselben Sachverhalt, sondern ändern ihre Bedeutung je nach Satz. Ein wesentlicher Teil des Leseverständnisses besteht darin, diese Bedeutungen im jeweiligen Satz neu zu berechnen.

Die Stufe des qualifizierten Sachwissens: Um zwischen Bezeichnungen von Substanzen wie [Dampf], [Nebel], [Dunst], [Qualm und [Abgas] unterscheiden zu können, ist ein fundiertes Sachwissen erforderlich, das die Alltagserfahrung überschreitet. 

 

Die Satzebene

Das Satzverstehen wird auf drei Stufen gefördert:

Die Hauptsatzstufe: Hierbei handelt es sich um satzinterne Bedeutungsrelationen unterschiedlicher Art:

  • Handlungs- und Ereignisstruktur („wer was macht“)
  • Zeitstruktur
  • W-Fragen
  • Mengenausdrücke (Logische Form)
  • Präpositionen und Raumperspektive

Die Nebensatzstufe: Hierbei unterscheiden wir zwei Formen von Haupt-/Nebensatzverbindungen. Zum einen handelt es sich um die sogenannten Konnektoren wie [obwohl], [ohne dass], [damit] oder [weil], die die logischen Beziehungen wie „Ursache“, „Zweck“ zwischen Haupt- und Nebensatz bestimmen. Zum anderen handelt es sich um Haupt-/Nebensatzverbindungen, die vom Verb ausgehen. Die Verstehensrelevanz solcher Beziehungen machen vor allem die „Verben der mentalen Einstellung“ deutlich. Mit solchen Verben werden wichtige Verstehensprozesse gesteuert. So wissen wir beispielsweise, dass mit dem Satz „Mutter hat vergessen, Eier zu kaufen“ die Tatsache ausgedrückt wird, dass keine Eier gekauft wurden. Mit einer winzigen strukturellen Veränderung in „Mutter hat vergessen, dass sie Eier gekauft hat“ bilden wir eine andere Situation ab. Hier hat Mutter Eier gekauft. Sie weiß jedoch nicht mehr, dass sie es getan hat.

 

Text- und Sachebene

Im Mittelpunkt des Sprachverstehens auf Textebene steht das Erkennen der sprachlichen Strukturen und Mittel, die dazu dienen, unterschiedliche Grade der „Bekanntheit“ oder der „Verbindung mit unserem Wissen“ auszudrücken.  Kennen wir die Personen bzw. Sachen, von denen gesprochen wird? Wenn ja, woher? Für das Kind sind auf dieser Ebene folgende sprachliche Elemente von entscheidender Wichtigkeit: 

Pronomen wie [er] oder [sie], pronominale Ausdrücke wie [dann] und [dort] sowie Ersatzausdrücke wie „das Schnitzel vom Tisch 4 will ein zweites Bier“ (sagt eine Kellnerin).

Das wichtigste Mittel der deutschen Sprache, den Grad der Bekanntheit auszudrücken ist der Artikel. Der Artikel hilft uns beispielweise, einen Satz wie „die Schnecke machte sich auf den Weg in die Stadt“ zu verstehen (Aus dem Text „die Stadtschnecke“). Dank des Artikels wird es klar: Es handelt sich um die einzige Stadt in der Nähe des Waldes, wo die Schnecke gewohnt hat. 

Die deutsche Sprache besitzt eine Reihe von „Partikeln“ (Gradpartikeln) wie [schon], [erst], [noch], [sogar] usw., die sie benutzt, um Handlungen und Situationen mit anderen zu verbinden. So impliziert ein Satz wie „…und du hast sogar 10 Euro verdient“, dass der Betrag „10 Euro“ Pläne oder Erwartungen, die woanders im Text erwähnt werden, übertrifft. Das ist bei „…und du hast erst 10 Euro verdient“ anders. Hier ist die Bewertung eher negativ. Solche „Partikeln“ zeigen deutlich, dass ein Ausdruck wie [10 Euro] in einem Text sehr unterschiedliche Werte bekommen kann.

 

Wichtig zu wissen:

Was bringen die Kinder mit?

Die hier beschriebenen drei Verstehensebenen erwerben die Kinder nach vorgegebenen Lernphasen bis zum Schuleintritt. Somit bringen viele Kinder die notwendigen Kompetenzen für das Leseverständnis bei der Einschulung als eigene Lernressourcen mit. 

Risiken und Risikokinder

Als Risikokinder in bezug auf die Lesekompetenz stufen wir diejenigen Kinder ein, die die Lernressourcen für das Leseverständnis bis zum Schulbeginn nicht erwerben können. Hierbei handelt es sich in erster Linie um Logopädie- und Migrantenkinder. Diese Kinder sind auf spezielle Fördermaßnahmen angewiesen.

Das schulische Lehrangebot enthält keine systematische Förderung des Sprachverstehens auf Wort-, Satz- und Textebene. Diese Lücke will das Programm IKLF-Lesekompetenz schließen.  

  

Unser Förderprogramm

Schwerpunkt des Programms IKLF-Lesekompetenz ist die Förderung des Sprachverstehens auf Wort-, Satz- und Textebene. 

Um dies zu realisieren, entwickelt die IKLF-Lesekompetenz Reihen mit kombinierten Leseübungen. Diese verfolgen zum einen das Ziel der bekannten Graphem-Phonem-Konversion und unterstützen die Kinder bei der Überführung von Buchstabenfolgen in Lautfolgen. Zum anderen bieten die Leseübungen einen systematische und vollständigen Aufbau des Leseverstehens auf allen drei Ebenen: Wort, Satz, Text. Die Leseübungen sind so aufgebaut, dass sie die Lernprinzipien und die -phasen der frühkindlichen Sprachentwicklung verfolgen.

 

Zum Schluss: Eine Anmerkung

Die größte Herausforderung des Kindes ist das Verstehen der Textsorte „mathematischen Textaufgaben“. Diese Textsorte ist für die Kinder deshalb schwierig, weil sie auf allen drei Ebenen des Sprachverstehens viele Besonderheiten enthält.

Mehr darüber … 

 

Druckversion Druckversion